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by Strübing / Voigt
 Uwe Strübing • Statement    

 Wie ein Werk entsteht 

Ein Werk entsteht immer anders, je nachdem, ob ein Auftrag vorliegt, was eine vorgeschriebene Besetzung bedeutet, oder ob ich nur für mich schreibe (da sind auch große Besetzungen möglich...) Die Grundidee zu einem Stück ist immer ein Einfall, bei dem eines der Elemente Rhythmus, Melodie oder Harmonie im Vordergrund stehen. Bis diese Idee zustandekommt, können manchmal Wochen vergehen. Das hängt wiederum vom Auftrag ab: Wird eine Thematik vorgegeben oder bin ich völlig frei? Mit welchen Mitteln kann/muß ich das Werk gestalten? Usw.

Ist der Einfall da, dann geht alles meist ganz schnell. Ich komponiere wirklich drauf los; die formale Anlage des Stückes ergibt sich während des Schreibens, wenn die Tendenzen der Grundideen deutlich werden und sich verborgene Bezüge zwischen ihnen offenbaren. Dieser Arbeitsschritt erfolgt übrigens meistens am Klavier . Ich weiß natürlich, daß das verpönt ist, aber die Hauptsache ist doch zu wissen, daß ich's auch ohne Instrument kann, und die unmittelbare Kontrolle spart viel Zeit. Es entsteht so eine für den Außenstehenden meist ziemlich wirre Bleistiftskizze .

Mit diesen Blättern gehe ich an den Computer und gebe die Noten mit Hilfe eines Notensatzprogrammes ein. Dabei wird die Skizze hinterfragt und wenn nötig schon das erste Mal korrigiert. Bei Orchesterstücken erfolgt jetzt auch die Instrumentation, d.h. ich gebe die Noten gleich in eine Partitur ein. Dabei versuche ich, mich so weit wie möglich an die traditionelle Notenschrift zu halten, um das Werk nicht nur für Spezialisten Neuer Musik zugänglich zu machen. Wenn man eine professionelle Software verwendet, sind nur in wenigen Fällen handschriftliche Zusätze erforderlich.

Danach erfolgen immer wieder Lesungen der Partitur zum Zweck von Änderungen und Korrekturen. Manchmal ist so von der ersten Skizze am Schluß nichts mehr vorhanden. Zuletzt kommt das, was am längsten dauert: Eingabe von Dynamikangaben und Artikulationszeichen sowie das Seiten-Layout. Auch dabei muß immer innerlich mitgehört werden, um Druckfehler zu beseitigen (es bleiben erfahrungsgemäß aber immer ein paar übrig...) Den Ausdruck des Ganzen muß ich nicht beaufsichtigen, das erledigt der Drucker für mich.

Jetzt bleibt nur noch die Gestaltung des Titelblattes (mache ich immer selbst!), das Schreiben eventueller Vorworte und die Spiralbindung. Dann ist die Partitur präsentabel . Meistens muß ich danach noch Einzelstimmen herausschreiben, wobei mir allerdings die Schreibarbeit wieder vom Computer abgenommen wird. Immer muß jedoch das Seitenlayout der Stimmen verändert werden, besonders wenn, wie üblich, Blätterstellen erforderlich sind

Am Ende des gesamten Kompositionsprozesses stehen also immer gedruckte, spielfertige Noten, die dann für Interessenten kopiert und zu Proben und Aufführungen verwendet werden dürfen.


 Kompositorischer Ansatz 

Für mich ist Musik die sozialste aller Künste, da sie besonders auf die Zusammenarbeit mit Interpreten angewiesen ist und sich nur durch den Interpreten dem Publikum erschließt. Deshalb ist für mich auch der „bürgerliche Konzertsaal“ als sozialer Raum, als Begegnungsstätte, nicht tot und deshalb schreibe ich auch nicht Musik, um meine eigen(willig)e Ästhetik zu befriedigen oder für exklusive Hörspezialisten, sondern für den üblichen Konzertabonnenten, den ich behutsam an die für ihn immer noch ungewohnten Klänge zeitgenössischer Musik heranführen möchte.

So steht meine Musik häufig auf tonalem Fundament und arbeitet mit dem Prinzip Spannung (=dissonanter Klang) und Entspannung (=Dur-Moll-tonaler, konsonanter Klang bis hin zur traditionellen Kadenz). Selbstverständlich erlaube ich mir auch Ausflüge in atonale oder mikrotonale Bereiche, doch ist dies nie Selbstzweck oder geschieht zu experimentellen Zwecken, sondern ist immer durch das Sujet begründet, dient also zur Unterstreichung einer Stimmung, eines Textes oder einer musikalischen Form. Meine Musik wird dadurch direkter und plakativer, was vom Publikum und übrigens auch den meisten Interpreten häufig dankbar aufgenommen wird. 

Instrumente werden von mir im Normalfall traditionell behandelt, das bedeutet z.B., dass eine Violine gestrichen oder gezupft wird und nur im Ausnahmefall zweckentfremdet: Der Drang nach "Neuen Spielweisen" ist nach meiner festen Überzeugung aus vielerlei Gründen ein Irrweg und war für mich noch nie ein schlüssiger Weg zu neuen Klängen:

1.) Neue Klänge lassen sich heute in unbegrenzter Zahl und Farbe auf elektronischem Wege erzeugen. Ich muss nicht um den Preis "neuer Notation" und der daraus folgenden Ratlosigkeit des Spielers (der das an der Hochschule vielleicht noch gar nicht gelernt hat...) ein Cello zum Blasinstrument machen, indem ich durch das F-Loch puste - dies nur als Beispiel.

2.) Die noch bis vor wenigen Jahren vorherrschende Ängstlichkeit dem vermeintlich "Abgedroschenen" gegenüber (die gottlob langsam unter dem wohltuenden Einfluss von Filmmusik und Crossover schwindet) hat auf der einen Seite zu einer beklagenswerten Undurchsichtigkeit des musikalischen Satzes geführt (unter dem Schlagwort "new complexity" kann ich trefflich jegliche kompositorische Willkür rechtfertigen...) mit der unausweichlichen Folge einheitlich dissonanter Klangtexturen ohne beim Hören nachprüfbare Struktur, auf der anderen Seite werden Einzeltöne "seziert", indem ihr auf abenteuerlichste Weise (s.o. "Neue Spielweisen") zustandegekommener (Teil)Klang als "Werk" verkauft wird. Im ersteren Falle wird die Zusammenstellung der Klänge (Komposition) verunklart, im letzteren die Technik, etwa einen Ton in seine Obertöne aufzuteilen oder mit unterschiedlichen Stimmungen zu arbeiten, zur musikalischen Idee hochstilisiert.

3.) aus 1.) und 2.) geht hervor, dass bei der (vergeblichen) Jagd nach vermeintlich neuen Klängen keine Rücksicht mehr auf Ausführende und Publikum genommen wird; ein Umstand, der meinem kompositorischen Ansatz widerspricht (s.o.) und den ich mir daher zu keinem Zeitpunkt zu eigen machen kann und möchte. Meines Erachtens führt nur eine freie Mischung aller traditionellen musikalischen Stile, bei der jeder Komponist seine eigenen Schwerpunkte setzen kann und soll, zu einer akzeptablen Lösung des Problems "Neue Ernste Musik in der Sackgasse". Komposition bedeutet hierbei Arbeiten mit notationsfähigem musikalischem Material in der Art, dass ausgebildete Musiker mit dem Resultat dieser Notation etwas anfangen können, ohne in stunden- bis wochenlangen Dialog mit dem Komponisten treten zu müssen oder außermusikalische Zutaten zur Musik hinzufügen zu müssen (Stichwort Performance oder Klanginstallation...). Solche außermusikalischen Erweiterungen der Komposition dürfen daher auch nicht als künstlerisch-intellektueller Verdienst gewertet und somit nicht zum Maßstab künstlerischen Niveaus herangezogen werden. - - -

Darüber hinaus lasse ich mich in meiner Tonsprache auch von einem musikgeschichtlichen Aspekt leiten: Nach den beiden großen Kriegen des letzten Jahrhunderts waren (zumindest im deutschsprachigen Raum) jeweils musikalische Entwicklungsschübe zu verzeichnen, welche immer weg von musikalischer Romantik führten. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg erforderte es auch die „political correctness“, keinerlei tonale Anklänge aufkommen zu lassen, hatten doch die Nazis die Tonalität quasi für sich reklamiert. Die Versuche einer jüngeren Komponistengeneration (etwa nach1980), wieder traditionelle Einflüsse zuzulassen, blieben auch deshalb halbherzig, weil von den Älteren als Eklektizist verächtlich gemacht wurde, wer nicht im atonalen Mainstream mitschwamm (vgl. Alex Ross, der dies mehrfach treffend als "Geschmacksdiktatur" bezeichnete (in: Alex Ross, "The Rest is Noise", Das 20. Jahrhundert hören, Piper Verlag 2009).

In der Rückschau scheint mir die musikalische Entwicklung nach 1945 allzu ängstlich alle traditionellen Reminiszenzen vermieden zu haben. Ich sehe heute die Tonalität namentlich der Zeit um 1910 als eine Materialsammlung unter vielen an, derer man sich getrost bedienen darf, ebenso wie neuere Errungenschaften (Serialismus, Mikrotonalität, Jazz, Einflüsse ferner Musikkulturen etc.) ihre Berechtigung haben.

Nicht zuletzt macht es einfach mehr Spaß, unbekümmert mit dem musikalischen Material umzugehen. Diese im besten Sinne naive Freude an der kompositorischen Arbeit teilt sich nach meiner Erfahrung auch den Interpreten und dem Publikum mit, da ich nicht versuche, um jeden Preis etwas Neues zu schaffen, sondern mein Musikdenken ehrlich zur Diskussion stelle. Damit erfülle ich die soziale Intention meines kompositorischen Schaffens: Komponist, Interpret(en) und Publikum sollen zufriedengestellt werden. Natürlich wird zumal die Musikwissenschaft gegen diesen ästhetischen Blickwinkel Einwände erheben. Aber sollte nicht Musik zuallererst Kunst sein und erst in zweiter Linie Wissenschaft?