Für mich ist Musik die sozialste aller Künste,
da sie besonders auf die Zusammenarbeit mit Interpreten angewiesen ist
und sich nur durch den Interpreten dem Publikum erschließt.
Deshalb ist für mich auch der „bürgerliche
Konzertsaal“ als sozialer Raum, als Begegnungsstätte, nicht
tot und deshalb schreibe ich auch nicht Musik, um meine eigen(willig)e
Ästhetik zu befriedigen oder für exklusive
Hörspezialisten, sondern für den üblichen
Konzertabonnenten, den ich behutsam an die für ihn immer noch
ungewohnten Klänge zeitgenössischer Musik heranführen
möchte.
So steht meine Musik häufig auf tonalem Fundament
und arbeitet mit dem Prinzip Spannung (=dissonanter Klang) und
Entspannung (=Dur-Moll-tonaler, konsonanter Klang bis hin zur
traditionellen Kadenz). Selbstverständlich erlaube ich mir auch
Ausflüge in atonale oder mikrotonale Bereiche, doch ist dies nie
Selbstzweck oder geschieht zu experimentellen Zwecken, sondern ist
immer durch das Sujet begründet, dient also zur Unterstreichung
einer Stimmung, eines Textes oder einer musikalischen Form. Meine Musik
wird dadurch direkter und plakativer, was vom Publikum und
übrigens auch den meisten Interpreten häufig dankbar
aufgenommen wird.
Instrumente werden von mir im Normalfall traditionell
behandelt, das bedeutet z.B., dass eine Violine gestrichen oder
gezupft wird und nur im Ausnahmefall zweckentfremdet: Der Drang nach
"Neuen Spielweisen" ist nach meiner festen Überzeugung aus
vielerlei Gründen ein Irrweg und war für mich noch nie ein
schlüssiger Weg zu neuen Klängen:
1.) Neue Klänge lassen sich heute in unbegrenzter
Zahl und Farbe auf elektronischem Wege erzeugen. Ich muss nicht um den
Preis "neuer Notation" und der daraus folgenden Ratlosigkeit des
Spielers (der das an der Hochschule vielleicht noch gar nicht gelernt hat...) ein Cello
zum Blasinstrument machen, indem ich durch das F-Loch puste - dies nur
als Beispiel.
2.) Die noch bis vor wenigen Jahren vorherrschende
Ängstlichkeit dem vermeintlich "Abgedroschenen" gegenüber
(die gottlob langsam unter dem wohltuenden Einfluss von Filmmusik und
Crossover schwindet) hat auf der einen Seite zu einer
beklagenswerten Undurchsichtigkeit des musikalischen Satzes
geführt (unter dem Schlagwort "new complexity" kann ich trefflich
jegliche kompositorische Willkür rechtfertigen...) mit der
unausweichlichen Folge einheitlich dissonanter Klangtexturen ohne beim
Hören nachprüfbare Struktur,
auf der anderen Seite werden Einzeltöne "seziert", indem ihr auf
abenteuerlichste Weise (s.o. "Neue Spielweisen") zustandegekommener
(Teil)Klang als "Werk" verkauft wird. Im ersteren Falle wird die
Zusammenstellung der Klänge (Komposition) verunklart, im letzteren
die Technik, etwa einen Ton in seine Obertöne aufzuteilen oder mit unterschiedlichen Stimmungen zu arbeiten, zur musikalischen Idee hochstilisiert.
3.) aus 1.) und 2.) geht hervor, dass bei der
(vergeblichen) Jagd nach vermeintlich neuen Klängen keine
Rücksicht mehr auf Ausführende und Publikum genommen wird;
ein Umstand, der meinem kompositorischen Ansatz widerspricht (s.o.) und den
ich mir daher zu keinem Zeitpunkt zu eigen machen kann und möchte.
Meines Erachtens führt nur eine freie Mischung aller
traditionellen musikalischen Stile, bei der jeder Komponist seine eigenen Schwerpunkte
setzen kann und soll, zu einer akzeptablen Lösung des Problems
"Neue Ernste Musik in der Sackgasse". Komposition bedeutet hierbei
Arbeiten mit notationsfähigem musikalischem Material in der Art,
dass ausgebildete Musiker mit dem Resultat dieser Notation etwas
anfangen können, ohne in stunden- bis wochenlangen Dialog
mit dem Komponisten treten zu müssen oder außermusikalische
Zutaten zur Musik hinzufügen zu müssen (Stichwort Performance oder
Klanginstallation...).
Solche außermusikalischen Erweiterungen der Komposition
dürfen daher auch nicht als künstlerisch-intellektueller Verdienst
gewertet und somit nicht zum Maßstab künstlerischen
Niveaus herangezogen werden. - - -
Darüber hinaus lasse ich mich in meiner Tonsprache
auch von einem musikgeschichtlichen Aspekt leiten: Nach den beiden
großen Kriegen des letzten Jahrhunderts waren (zumindest im
deutschsprachigen Raum) jeweils musikalische Entwicklungsschübe zu
verzeichnen, welche immer weg von musikalischer Romantik führten.
Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg erforderte es auch die
„political correctness“, keinerlei tonale Anklänge
aufkommen zu lassen, hatten doch die Nazis die Tonalität quasi
für sich reklamiert. Die Versuche einer jüngeren
Komponistengeneration (etwa nach1980), wieder traditionelle
Einflüsse zuzulassen, blieben auch deshalb halbherzig, weil von
den Älteren als Eklektizist verächtlich gemacht wurde, wer
nicht im atonalen Mainstream mitschwamm (vgl. Alex Ross, der dies
mehrfach treffend als "Geschmacksdiktatur" bezeichnete (in: Alex
Ross, "The Rest is Noise", Das 20. Jahrhundert hören, Piper
Verlag 2009).
In der Rückschau scheint mir die musikalische
Entwicklung nach 1945 allzu ängstlich alle traditionellen
Reminiszenzen vermieden zu haben. Ich sehe heute die Tonalität
namentlich der Zeit um 1910 als eine Materialsammlung unter vielen an,
derer man sich getrost bedienen darf, ebenso wie neuere
Errungenschaften (Serialismus, Mikrotonalität, Jazz,
Einflüsse ferner Musikkulturen etc.) ihre Berechtigung haben.
Nicht zuletzt macht es einfach mehr Spaß, unbekümmert mit
dem musikalischen Material umzugehen. Diese im besten Sinne naive
Freude an der kompositorischen Arbeit teilt sich nach meiner Erfahrung
auch den Interpreten und dem Publikum mit, da ich nicht versuche, um
jeden Preis etwas Neues zu schaffen, sondern mein Musikdenken ehrlich
zur Diskussion stelle. Damit erfülle ich die soziale Intention
meines kompositorischen Schaffens: Komponist, Interpret(en) und
Publikum sollen zufriedengestellt werden. Natürlich wird zumal die
Musikwissenschaft gegen diesen ästhetischen Blickwinkel
Einwände erheben. Aber sollte nicht Musik zuallererst Kunst sein
und erst in zweiter Linie Wissenschaft?